Im Dorf der Verdammten – Der alte Mann und der Teufel – Kapitel 3

sumpf

Der Eber stob panisch durch den dichten Wald. Der Alte Mann hielt sich krampfhaft fest und duckte sich, so gut er nur konnte. Doch das rasende Schwein brach rücksichtslos durchs dichteste Gestrüpp, dass sein Reiter völlig zerkratzt und geradezu durchgepeitscht wurde. Auf der ersten Meile war der alte Mann starr vor Schreck. Mitten im Wald wünschte er sich, er hätte doch lieber Rechtzeitig den Henker auf die Möglichkeiten des Strickes aufmerksam gemacht, mit dem er jetzt so kläglich an das wild gewordene Tier gefesselt war. Denn er war sich sicher: Überleben würde er diesen Ritt auf gar keinen Fall und beim Henker wäre es weit weniger Qualvoll gewesen. Denn der Henker war ein freundlicher Mensch.

Schließlich aber hatte die merkwürdige Paarung den Wald hinter sich gelassen. Sie galoppierten über eine Ebene und der Alte Mann empfand sein Dasein nun fast als angenehm. Sicher, der rasende Eber schien nun erst richtig Fahrt aufzunehmen und die ununterbrochenen Stöße zermalmten dem alten Mann sämtliche Knochen. Aber wenigstens bekam er keine Zweige mehr durchs Gesicht gepeitscht. Nur noch verschwommen nahm er die Veränderung wahr, als sie die Ausläufer der Undurchdringlichen Sümpfe erreichten. Die Heftigkeit der Stöße nahm auf dem weicheren Boden ab. Irgendwann spritzte das Wasser immer höher, aber das wilde Schwein wurde nicht langsamer. Mitten in den Sümpfen verließen den alten Mann seine Kräfte und er verlor das Bewusstsein.

Sein schmerzender Körper zwang den alten Mann schließlich wieder zurück ins Leben. Er erwachte mühsam in einem fremden Bett, Dunkelheit umgab ihn. Er vernahm Gemurmel und spürte die neugierigen Blicke mehrerer Menschen. Aber es dauerte eine Ewigkeit, bis er Umrisse erkennen konnte. Jemand schüttelte ihn, die Stimme einer Frau redete auf ihn ein. Gleichzeitig versuchte jemand ihm, heiße Suppe einzuflößen. Die Speise verfehlte ihre Wirkung nicht. Der alte Mann fand sich in einem Alkoven, notdürftig gepolstert mit einem Strohsack. Langsam verstand er auch, was die Frau von ihm wollte, einzelne Worte drangen in seinen gequälten Verstand und ergaben sogar einen Sinn:

Wie lautet die Botschaft? Alter Mann, wach auf. Was befielt der Herzog? Wie lautet die Botschaft? Wach auf und sag sie uns. Alter Mann.

Was für eine Botschaft? Stammelte der alte Mann mühsam. Ich habe doch keine Botschaft.

In der Hütte erhob sich ungläubiges Gemurmel:

Er muss doch eine Nachricht für uns haben.

Der alte Mann gewöhnte sich an das Licht und erkannte eine Reihe ausgemergelte, zerzauste Gestalten. Es schienen Männer, Frauen und Kinder dabei zu sein. Wie viele es genau waren, konnte er nicht erkennen. Am deutlichsten sah er die Frau unmittelbar vor ihm, die ihn mit heißer Suppe fütterte. Ihr Gesicht war hager und schmutzig, ihr Alter zu schätzen erschien ihm schwer möglich. Ihr Haar war wild und ungepflegt. Die anderen in der Hütte sahen anscheinend nicht viel besser aus Anstelle von Kleidern trugen sie Lumpen, die ehemals ein grober Sack gewesen sein mochten. Seltsamerweise waren diese Leute über und über behängt mit Schmuck, Amuletten, bunten Haarbändern und glänzenden Ketten. Am Arm der Frau baumelte eine ganze Batterie von Reifen, viele mit Glöckchen versehen. Es klirrte und schellte bei jeder ihrer Bewegungen, so auch jetzt, als sie ihn energisch an der Schulter packte:

Du musst eine Nachricht für uns haben. Zum ersten mal bringt uns das Königliche Schwein einen Boten. Sag es uns, es ist Deine Pflicht, wir haben ein Recht, es zu hören.

Der alte Mann erwachte vollends, seine erstaunte Verzweiflung, mit der dieses Abenteuer begonnen hatte, war wieder da.
Ich bin doch kein Bote, stammelte er. Ich suche den Teufel.

Die Zuhörer erstarrten. Dann fingen sie wieder an zu Murmeln.
Was willst Du vom Teufel? Fragte die Frau erneut scharf. Sollst du ihm unsere Geschäfte verbieten?
Was denn für Geschäfte? Der alte Mann erinnerte sich dunkel, der Henker hatte ihm von irgendwelchen Geschäften des Teufels mit dem Dorf der Verdammten erzählt. Da sprach die Frau erneut:
Das weiß doch jeder. Wir geben dem Teufel unser wertloses Geld, dafür versorgt er uns mit unnützem Plunder und Tand.

Stolz strich sie über ihren reichhaltigen Halsschmuck. Der alte Mann ließ sich erschöpft auf das Lager fallen und stöhnte:
Aber im Lächerlichen Reich gibt es doch kein Geld.
Wir haben es uns selber ausgedacht, erwiderte die Frau mit kämpferischem Stolz in der Stimme.Wir schneiden Scheiben aus getrocknetem Schilf und machen ein sinnloses Zeichen darauf. Und der Teufel nimmt es als Geld an. Sonst haben wir doch nichts hier. Der Herzog darf es uns nicht wegnehmen.

Die Stimmung unter Dorfbewohnern schien nun etwas bedrohlich. Der alte Mann bekam es mit der Angst und beeilte sich zu antworten:
Niemand will Euch Euer Geld wegnehmen. Ich suche den Teufel, weil ich ihn fragen will, was er für einen Pakt mit dem Kronprinzen ausgehandelt hat. Der König erwartet meine Antwort und wenn ich sie ihm nicht bringe, lässt er mich Köpfen.
Das Gemurmel schwoll an. Die Frau diskutierte gedämpft mit den anderen. Schließlich wandte sich erneut dem alten Mann zu und schien sogar ein wenig zu lächeln:
Das Tut uns leid für Dich. Der Teufel war vorgestern hier und ist schon weitergezogen. Er hat viel zu tun und wird in diesem Monat nicht wiederkommen.
Wo ist er hingezogen? Ich muss ihm sofort folgen.Der alte Mann versuchte aufzustehen, doch die Frau drückte ihn mit sanfter Entschlossenheit auf den Strohsack zurück.
Du kannst noch nicht aufstehen. Du kannst froh sein, dass Du den Ritt auf dem Eber überlebt hast. Du musst eine Weile hier bei mir bleiben. Ich bin der Häuptling vom Dorf der Verdammten. Und Wie heißt Du?
Ich bin ein armer Schweinehirte, einen Namen konnte ich mir mein Lebtag nicht leisten. Jetzt nennen mich alle alter Mann.
Das ist gut. Und jetzt Schlaf, alter Mann.

Der alte Mann erwachte ziemlich erholt. Sonnenlicht drang durch kleine Öffnungen in der Wand der Hütte. Er sah sich um: Die Hütte schien aus Lehm und Zweigen gebaut, krumme Äste bildeten die Dachbalken, in der Mitte des einen Raumes auf Lehmboden schwelte eine Feuerstelle vor sich hin. Die Behausung war krumm und denkbar ärmlich. Einzig, die Wände hingen voll mit merkwürdigen Figürchen, bunt bemalt oder aus glänzendem Metall. Jeder freie Winkel stand voll mit nutzlosem Tand, ganz offensichtlich die Handelsware des Teufels. Langsam erhob sich der alte Mann. Er sah an sich herunter: Seine Kleider waren von dem Ritt auf dem Eber arg mitgenommen und hingen ihm praktisch in Fetzen von seinem Körper. Da ging die Tür und der Häuptling, ganz offensichtlich die Besitzerin der Hütte trat ein. Sie schien sich zu freuen, den Gast zu sehen und begann sofort zu reden

Endlich bist Du aufgewacht. Komm mit ich zeige dir unser Dorf. Du hast bestimmt Hunger. Aber leider haben wir nichts mehr. Und wir wissen ja nicht, wann das nächste Schwein kommt. Glaub mir, ein Spaziergang lenkt ab, wir haben da Erfahrung.Der alte Mann schaute verständnislos.

Ihr habt nichts zu Essen?

Nein, hier wächst doch nichts. Nichts, was wir essen könnten und kein Futter für Vieh, das wir nicht besitzen. Wir essen das königliche Schwein, wenn es kommt. Und wenn nicht, essen wir nichts. Ein karges Leben, ab und zu verhungert jemand, aber wir erfreuen uns dann an unserem Schmuck. Sonst haben wir doch nichts.

Behende sprang die Frau in der Hütte herum und sammelte allerlei Ketten und Amulette ein. Die hängte sie kurzerhand dem alten Mann um die Hals.
Hier, du sollst auch welchen haben. Wir alle hier tragen die Sachen. Und du sollst nicht schlechter gestellt sein, jetzt wo du in meiner Hütte wohnst. Wie stünde ich denn da als Häuptling?
Sie packte den alten Mann am Arm und führte ihn hinaus auf einen Dorfplatz aus getrocknetem Schlamm. Drumherum standen etwa ein Dutzend mit Reisig und Moos gedeckte Hütten. Die sahen von außen noch elender aus, als der Innenraum des Häuptlingshauses vermuten ließ. Den alten Mann wunderte das überhaupt nicht.

Hier versuchen wir, zu überleben.

Der alte Mann sah sich um und wusste nicht recht, was er sagen sollte. Tatsächlich sah man weit und breit nichts, wovon ein Mensch seinen Unterhalt hätte bestreiten können. Er befand sich hier wahrlich im Hinterletzten Winkel des lächerlichen Reiches. In der Ferne zu seiner Rechten konnte er schemenhaft die Ausläufer eines Gebirges erkennen: Die Elenden Anhöhen, nicht mehr Hügel aber auch noch keine Berge, eine schroffe Landschaft aus kahlem Fels. Zu seiner Linken vermutete er hinter einem dunstigen Schleier die Lebensfeindliche Einöde, eine berüchtigte Wüste ohne Wasser und Schatten. Über die Gegend gab es nicht viel zu reden, schon gar nicht mit den Menschen die hier leben mussten. Der alte Mann sprach also ohne weitere Umschweife seine Suche nach dem Teufel an:
Der Teufel kommt also regelmäßig hier vorbei? Macht ihr schon lange Geschäfte mit ihm.
Die Frau strahlte freudig:
Oh ja! Schon seit mehreren Generationen besucht uns der Teufel regelmäßig. Er ist – außer dir jetzt – der einzige Fremde, der zu uns in den Hinterletzten Winkel kommt. Das ist für uns immer eine große Ehre.
Und Eure Geschäfte sind doch sehr wichtig?
Überhaupt nicht. Ich habe Dir doch schon gesagt, unnützer Plunder gegen wertloses Geld. Da gewinnt keiner von uns etwas. Uns ist die Anerkennung wichtig. Und die Ratschläge.
Der alte Mann verstand nicht, worauf der Häuptling hinauswollte:
Was denn für Ratschläge?
Die Frau schwelgte vor Begeisterung:
Der Teufel ist ein erfahrener und weltgewandter Geselle. Er plaudert hier jedes Mal lange mit uns. Und seine Ansichten erweitern unseren Horizont, machen das Leben hier überhaupt erst erträglich.
Der Teufel gab also im Dorf der Verdammten im Hinterletzten Winkel kostenlos seine Weltanschauung zum Besten. Der alte Mann verzichtete darauf, das zu kommentieren. Die Frau fuhr jedoch unbeirrt fort:
Beim letzten Besuch hat er uns erklärt, wie wir ein freies, selbstbestimmtes Leben führen können.
Tut ihr das nicht sowieso schon? Ich meine, der Herzog ist weit weg und keiner behelligt euch. Im Vergleich zu meinem Leben seid ihr alle hier doch ziemlich ungebunden.

Kein Mensch ist wirklich frei, solange er die falschen Ziele verfolgt. Solange wir uns unerreichbares vornehmen, drehen wir uns immerzu nur im Kreis, ohne je irgendwo anzukommen. Wir sind gefangene unserer unerfüllbaren Wünsche.

Der alte Mann verstand nicht wirklich, worauf seine Gastgeberin hinaus wollte. Er selbst wäre froh, wenn er nach erreichen seiner vielleicht nicht grade falschen, so doch ihm selbst ziemlich schleierhaften Ziele den Kreis schließen und wieder bei sich zu Hause ankommen würde. Aus Höflichkeit nickte er verständig:
So habe ich das noch nie betrachtet. Unsere Wünsche quälen uns also?

Genau! Weil wir das ewige Naturgesetz nicht beachten. Und das hat uns der Teufel letzte Woche gelehrt. Dem einen sein Brot ist dem andern sein Tod.

Klingt ja ganz einfach. Aber auch etwas unangenehm Davon werden wir freier?

Du musst die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Kein Wesen auf der Welt kann auch nur einen Atemzug tun, ohne einem anderen zu schaden. Was auch immer du unternimmst, es wird irgendwem Übles daraus erwachsen. Das ist unser aller Schicksal, wir können nicht dagegen an.

Der alte Mann ließ sich auf die Worte des Häuptlings ein und dachte darüber nach. Etwas besseres gab es für ihn sowieso nicht zu tun. Dann antwortete er:
Traurig genug. Aber dann sollten wir besser gar nichts mehr tun, um möglichst wenigen zu schaden?
Die Frau kam langsam in Fahrt:
Aber nein. Genau das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen anfangen, anderen absichtlich zu schaden. Es ist unsere Bestimmung, wir sollten uns nicht dagegen sträuben.
Der alte Mann fand diese Schlussfolgerung nicht wirklich einleuchtend. Der Idee wohnte etwas geradezu teuflisches inne. Kein Wunder eigentlich, wenn man die Umstände bedachte. Vorsichtig fragte er:
Ihr nehmt euch jetzt also jeden Tag eine schlechte Tat vor und führt ein erfülltes Leben?Aber nein, widersprach ihm die Frau. Wem sollten wir hier denn schaden? Es geht uns allen doch schon schlecht genug. Gut, wir essen die königlichen Schweine des Herzogs. Aber die schickt er freiwillig.
Der alte Mann verstand nicht wirklich, er fühlte sich auf einmal sehr matt. Die Frau sah ihn besorgt an:
Du brauchst doch nicht so elend zu schauen. Dir werden wir doch auch nichts tun. Dir wurde schon übel genug mitgespielt.
Den alten Mann beruhigte das nicht wirklich. Er verspürte das dringende Bedürfnis, diesen merkwürdigen Ort zu verlassen. Jedoch versuchte er höflich zu bleiben:
Ich glaube wirklich, ich sollte den Teufel mal persönlich treffen. Kannst du mir wirklich nicht sagen, wo ich ihn finden kann?
Die Frau hielt inne und überlegte kurz.
Ja, du hast völlig recht. Der Teufel kann dir das selber viel besser erklären. Er war vor ein paar Tagen hier und kommt so schnell nicht wieder. Aber du könntest hinauf in die Elenden Anhöhen gehen. Dort besitzt der Teufel ein kleines Haus. Das hat er uns zumindest mal gesagt. Wenn du sofort losgehst, schaffst du es vielleicht noch bis zum Abend.
Ist es weit? fragte der alte Mann besorgt.

Das weiß ich nicht. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob das Haus überhaupt existiert.

Die Antwort begeisterte den alten Mann zwar nicht. Aber eine mühselige Wanderung zu einem ungefähren Ziel war immerhin besser als ein lebensgefährlicher Ritt auf einem wilden Schwein. Also verabschiedete sich der alte Mann vom Häuptling und bedankte sich für die Hilfe und Gastfreundschaft. Dann ging er wie er war, mit ein paar Fetzen bekleidet und unsinnigem Schmuck behängt auf die Ausläufer der Elenden Anhöhen zu.

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