Belanglose Gespräche mit dem Tod

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Verlegen, etwas scheu bückte sich die Gestalt und half dem alten Mann hinein.

Es ist mir sehr unangenehm, dass du meinetwegen solche Mühsal auf dich nimmst. Ich hätte nicht gedacht, dass es dir so wichtig ist.

Die hagere Gestalt wischte dem alten Mann das Blut vom Gesicht und versorgte die Wunden mit Lumpen und einer merkwürdigen, grauen Salbe. Dann setzte er ihn an einen Tisch aus massiven, rohen Balken. Dort stand Brot und ein heißer Kräutersud. In die Rückwand des Raumes war eine offene Feuerstelle unter einem Steinernen Kamin. Ein übertrieben großes Feuer loderte hier. Eben noch zerschunden, verfroren und hungrig fand sich der alte Mann nun gewärmt vor einem reich gedeckten Tisch. Sein krankhaft blasser Gastgeber redete auf ihn ein:

Stärke dich erst mal, alter Mann. Iß und ruh dich aus. Dann siehst du gewiss alles in einem anderen Lichte. Wenn du es dir überlegt hast, können wir noch…

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Die Schöne Deirdre und das Handicap des Fergus

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Ein heikles Wochenthema, bei dem es gilt, nicht Respektlos zu werden und auch nicht unanständig auf die Tränendrüse zu drücken. Wer darüber angemessen schreiben will, sollte sich fragen: Was würde ein altirischer Barde tun, der erfahren hat, daß sein frisch geborenes Kind mit einem abscheulichen Fluch beladen ist, der größtmögliches Unglück über die Gemeinschaft bringen wird? Und zwar mit dem schrecklichen Makel betörender Schönheit? Er würde wahrscheinlich ein blutiges Drama darüber verfassen, an dem sich die Nachwelt von „Tristan und Isolde“ bis „The harder they come“ abarbeiten wird. Und er würde wohl damit beginnen, daß die unbesiegbaren Helden meist auch ihre spezielle Schwäche hatten. Denn sie hatten fast alle eine Geis. Also keine Ziege, sondern wieder so ein schwierig zu übersetzendes, altirisches Wort. Eine Geis ist jetzt nicht eine Behinderung im herkömmlichen Sinne. Eher ein Tabu, Bannfluch oder Kryptonit. Achillesferse oder Siegfriedschulter würde grade im Zusammenhang mit alten Sagen…

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Die schöne Deirdre – Vorerzählung zum Táin

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Profil.jpgMan sagt, Erinnerungen an die eigene Kindheit setzen erst mit dem vollendeten dritten Lebensjahr ein. Wir können davon ausgehen, daß es sich bei den keltischen Helden etwas anders verhielt. Wir lernten ja schon, sie konnten auch mal, wie König Conchobor, von Zeugung bis zur Geburt locker drei Jahre im Mutterleib verbringen. Die schöne Deirdre, von der heute erzählt wird, konnte im Mutterleib schreien. Und zwar so laut, daß sie den gesamten Hofstaat aufschreckte. Das rief den Druiden Cathbad auf den Plan, der in seiner Eigenschaft als Seher vor ihrer Geburt Deirdres gesamtes Leben öffentlich vorwegerinnerte. Durch Handauflegen. Eine pränatale Geschlechtsbestimmung gab es gratis obendrauf.
Es begab sich nämlich, daß Conchobor und sämtliche wichtige Helden beim Geschichtenerzähler Fedlimid Mac Daill zu Gast waren. Wenn der König und die Helden beim Barden zu Gast sind, muß der also ein sehr wichtiges Amt bekleidet haben. Wir sehen daran, daß die keltischen Könige…

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Timos Familie

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madchen-mit-tattooTimos Bruder sitzt in U-Haft. Er hat mit einem Kumpel versucht, einen EDEKA zu überfallen. Jenny hat das eben erzählt.Jenny ist Timos Ziehschwester. Jennys Mutter hilft anderen Müttern bei der Kinderbetreuung, wenn sie selbst keine Arbeit hat. Jennys Familie hat sich oft um Timo gekümmert. Timos Mutter hat regelmäßig Psychosen. Wahrscheinlich, weil sie früher zu viel und zu lange Amphetamine genommen hat. Manchmal muss sie ins Krankenhaus, dann kann sie sich nicht um Timo kümmern. Manchmal macht sie auch zu Hause merkwürdige Sachen. Sie schmeißt Gegenstände aus dem Fenster oder läuft mit einem Messer herum. Dann ruft Timo Jenny und ihre Mutter an und fragt, ob er bei ihnen wohnen darf. Timo ist jetzt zwölf. Fremden erzählt er nur, seine Mutter sei krank. Er schaut immer ein wenig traurig, ist aber sonst ein normaler, fröhlicher, frecher und fauler Junge.

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Die Bildhauerin

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Eigentlich wollte ich nur ein paar Schritte gehen, einfach in den nächsten Busch pinkeln. Aber um halb drei Uhr morgens war es taghell. Auf dem Fluß mit dem rostroten Wasser, das ein wenig nach Blut schmeckte, lagen ein paar Boote mit Anglern. Ich fühlte mich ertappt und beobachtet in der unwirklichen Mitternachtssonne. Also ging ich doch den weiten Weg zu den Toilettenanlagen das Campingplatzes und dann wieder ins Zelt zu ihr.

Die Bildhauerin hatte mich gefragt, ob wir nicht zusammen nach Finnland fahren wollen. Ich hatte nichts besseres zu tun, also sagte ich zu. Da saßen wir also in Rovaniemi am Polarkreis und die Mitternachtssonne schien. Der Weihnachtsmann wohnt da. Ich glaube, den Rest des Jahres, wenn kein Weihnachten ist, säuft er. Nie sah ich diszipliniertere Trinker als in Finnland. Die lebensrettenden Meter zwischen Geldautomat und staatlichem Schnapsladen legten sie nicht etwa torkelnd zurück. Nein, sie humpelten, als hätte man…

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Von Wagenrennen und Geburtsschmerzen

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streitwagen

Solange wir noch über Fremdartigkeiten schreiben dürfen, fahre ich einfach mal mit dem altirischen Sagen aus dem Ulster-Zyklus fort. Allein schon, um meine Lesemotivation zu Erhalten. Außerdem ist es für den geschichtenausdenkenden Geist relativ unanstrengend, eine alte Sage nachzuerzählen. Und ich tue das mit dem guten Gefühl, anderen Schreib- und Leseinteressierten damit sogar einen nützlichen Gefallen zu erweisen. Denn die uralten Geschichten sind eigentlich immer bekömmliches und nahrhaftes Futter für die Phantasie.
Wir befinden uns immer noch in den Vorerzählungen zum eigentlichen Rinderraub. In der ersten Folge lernten wir Conchobor kennen. Aus gut informierter Quelle erfuhr ich inzwischen, daß man ihn auch Conn nennen darf, ohne daß er einem gleich den Kopf abschlägt. Er ist nämlich eine Sagengestalt und tot, da sind wir außer Gefahr. Wir erfuhren, wie Conn durch Vetternwirtschaft, Korruption und Stimmenkauf Hochkönig von Ulster und begehrtester Junggeselle seines Reiches wird. Ich hoffe, ich verfehle nicht das Wochenthema, denn…

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