Die Schöne Deirdre und das Handicap des Fergus

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Ein heikles Wochenthema, bei dem es gilt, nicht Respektlos zu werden und auch nicht unanständig auf die Tränendrüse zu drücken. Wer darüber angemessen schreiben will, sollte sich fragen: Was würde ein altirischer Barde tun, der erfahren hat, daß sein frisch geborenes Kind mit einem abscheulichen Fluch beladen ist, der größtmögliches Unglück über die Gemeinschaft bringen wird? Und zwar mit dem schrecklichen Makel betörender Schönheit? Er würde wahrscheinlich ein blutiges Drama darüber verfassen, an dem sich die Nachwelt von „Tristan und Isolde“ bis „The harder they come“ abarbeiten wird. Und er würde wohl damit beginnen, daß die unbesiegbaren Helden meist auch ihre spezielle Schwäche hatten. Denn sie hatten fast alle eine Geis. Also keine Ziege, sondern wieder so ein schwierig zu übersetzendes, altirisches Wort. Eine Geis ist jetzt nicht eine Behinderung im herkömmlichen Sinne. Eher ein Tabu, Bannfluch oder Kryptonit. Achillesferse oder Siegfriedschulter würde grade im Zusammenhang mit alten Sagen…

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Die schöne Deirdre – Vorerzählung zum Táin

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Profil.jpgMan sagt, Erinnerungen an die eigene Kindheit setzen erst mit dem vollendeten dritten Lebensjahr ein. Wir können davon ausgehen, daß es sich bei den keltischen Helden etwas anders verhielt. Wir lernten ja schon, sie konnten auch mal, wie König Conchobor, von Zeugung bis zur Geburt locker drei Jahre im Mutterleib verbringen. Die schöne Deirdre, von der heute erzählt wird, konnte im Mutterleib schreien. Und zwar so laut, daß sie den gesamten Hofstaat aufschreckte. Das rief den Druiden Cathbad auf den Plan, der in seiner Eigenschaft als Seher vor ihrer Geburt Deirdres gesamtes Leben öffentlich vorwegerinnerte. Durch Handauflegen. Eine pränatale Geschlechtsbestimmung gab es gratis obendrauf.
Es begab sich nämlich, daß Conchobor und sämtliche wichtige Helden beim Geschichtenerzähler Fedlimid Mac Daill zu Gast waren. Wenn der König und die Helden beim Barden zu Gast sind, muß der also ein sehr wichtiges Amt bekleidet haben. Wir sehen daran, daß die keltischen Könige…

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Timos Familie

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madchen-mit-tattooTimos Bruder sitzt in U-Haft. Er hat mit einem Kumpel versucht, einen EDEKA zu überfallen. Jenny hat das eben erzählt.Jenny ist Timos Ziehschwester. Jennys Mutter hilft anderen Müttern bei der Kinderbetreuung, wenn sie selbst keine Arbeit hat. Jennys Familie hat sich oft um Timo gekümmert. Timos Mutter hat regelmäßig Psychosen. Wahrscheinlich, weil sie früher zu viel und zu lange Amphetamine genommen hat. Manchmal muss sie ins Krankenhaus, dann kann sie sich nicht um Timo kümmern. Manchmal macht sie auch zu Hause merkwürdige Sachen. Sie schmeißt Gegenstände aus dem Fenster oder läuft mit einem Messer herum. Dann ruft Timo Jenny und ihre Mutter an und fragt, ob er bei ihnen wohnen darf. Timo ist jetzt zwölf. Fremden erzählt er nur, seine Mutter sei krank. Er schaut immer ein wenig traurig, ist aber sonst ein normaler, fröhlicher, frecher und fauler Junge.

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Herbert George Wells: Der Luftkrieg

H. G. Wells ist einer der Schriftsteller, dessen Geschichten – zumindest eine – jeder kennt, der aber selbst – zumindest mir – völlig unbekannt geblieben ist. Als Autor seiner berühmtesten Geschichte, Krieg der Welten, bliebt er natürlich im Schatten des berühmteren Fast-Namensvetters Orson Welles, welcher mit der Aufführung der Marsmenscheninvasion als Radiohörspiel für Furore sorgte.

Wells beweist, alles, was wir heute haben, geht auf Erfindungen von vor mehr als hundert Jahren zurück. Auch das literarische Genre der Science Fiction. Nur ist Wells nicht so verspielt, wie etwa Jules Verne, seine Geschichten sind apokalyptisch und pessimistisch. Die Charaktere im Luftkrieg haben, genretypisch, nicht so viel Tiefe, dafür scharfe Konturen, wie Comicfiguren. Hervorzuheben sei der deutsche Kriegstreiber Prinz Karl Albrecht, eine Art Darth Vader in kaiserlicher Uniform.

Wells trifft in diesem 1908 erschienenen Buch beängstigend genaue Vorhersagen. Die Geschichte beinhaltet praktisch beide Weltkriege, die Hybris der Luftüberlegenheit in den Irakkriegen, und den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Asiens. Alle diese Ereignisse sind jedoch auf wenige Wochen konzentriert. Das Deutsche Reich entfesselt mit einer riesigen Flotte von Luftschiffen einen Bombenkrieg, der sich zu einem erschöpfenden Weltenbrand ausweitet. Freilich schreibt Wells aus eugenischer, also rassistischer Perspektive. Angenehm dabei, daß sich das rassistische Denken im Selbstmitleid des morschen Empires bewegt und eher die städtisch-verweichlichte Minderwertigkeit der englischen Bürgergesellschaft thematisiert.

Auch wenn politische Entwicklung und die Konflikte ziemlich exakt, wenn auch verdichtet vorhergesagt werden, verfehlt Wells in einem entscheidenden Punkt die technische Entwicklung. Zwei Dinge hat er nicht vorhergesehen: Daß der Motorflug noch vor dem Krieg erfunden wird. Denn das Flugzeug machte ja dann, wenn auch erst nach zwei Jahren Krieg, der Unbesiegbarkeit der Luftschiffe ein Ende. Und schließlich waren in der Realität die Deutschen 1914 noch nicht so skrupellos und technikverliebt, um aus dem Stand einen Vernichtungskrieg gegen zivile Ziele zu beginnen. Tatsächlich waren 1914 ja alle Militärs eher skeptisch, konservativ und ignorant gegenüber den technischen Neuerungen.

Für die deutsche Nabelschau erfrischend ist die englische Perspektive des Buches. Einen Weltkrieg vom Zaun brechen werden natürlich die Deutschen, weil sie es können. Das passive England lassen sie dabei links liegen gelassen, stattdessen besiegen sie die naiven USA innerhalb von zwei Wochen. Und zwar, weil das Reich technisch fortschrittlich ist, aggressive Politiker und ein diszipliniertes, und strebsames Volk besitzt. Es ist eine bizarre Mischung aus Bewunderung, Ehrfurcht und Entsetzen, mit dem der Engländer auf das junge Kaiserreich blickt. Denn am Ende haust die ganze Welt, auf mittelalterliches Niveau zurückgeworfen, in den Ruinen ihrer untergegangenen Zivilisationen.

sonnenfisch
Zeichnung Alice Wunder nach Prentis Rollins, Sun Fish.

Lektürenotizen Machiavelli – Discorsi I, 10 -12

I, 10
Das schlimmste, was ein Staatsgründer tun kann, ist eine Diktatur zu erschaffen. Ein Staat verkommt fast immer zur Diktatur, wenn die Königswürde erblich ist. Machiavelli macht hier viele Worte, aber ich komm nicht richtig dahinter, was denn nun die Aussage ist. Außer der moralischen Verwerflichkeit scheinen mir wenig Argumente gegen Diktatur zu kommen. Gut, die ganzen Feinde und Neider. Und das erhöhte Risiko, von diesen umgebracht zu werden. Aber wozu ist man bitte Diktator, wenn man mit denen nicht fertig wird? Es kommt mir vor, wie ein Apell, mit dem er die in 9 aufgestellte These des guten Gewaltherrschers relativieren und entschärfen will mit eindringlicher Warnung vor Diktatur. Bemerkenswert ist die negative Beurteilung Julius Cäsars als Putschisten und Zerstörer der Republik.

I, 11 zur Religion der Römer
Die Religion ist die unentbehrlichste Stütze der Zivilisation. Denn mit der Religion kann man ein ungebändigtes Volk mit friedlichen Mitteln zu bürgerlichem Gehorsam erziehen. Numa Pompilius, der Nachfolger des Romulus, befestigte die Gottesfurcht im römischen Volk. Ein religiöser Eid war den Menschen wichtiger, als die Strafgesetze. Die Beispiele, die Machiavelli aus der römischen Geschichte anführt, sind freilich gewaltsam erzwungene Eide.
Die Religion hält das Volk in Eintracht und die Heere gehorsam. Mit der Begründung durch das göttliche lassen sich neue, nützliche Gesetzgebungen einführen. Das geht natürlich besser bei einer primitiven, ungebildeten Bevölkerung. Moderne Stadtbevölkerung ist für diese Art der Überredungskunst meist verdorben. Gegenbeispiel ist der Erfolg des Predigers Savonarola im säkularisierten Florenz.

I, 12 Wie die römische Kirche die Religion verkommen ließ, zum Schaden Italiens
Wenn die Machthaber aber die Religion zu ihren Zwecken mißbrauchen, verliert das Volk die Gottesfurcht und die Religion hört auf, staatstragende Stütze zu sein.
Kluge Herrscher fördern den Aberglauben und halten das Volk gefügig. Wenn die Mächtigen sich über die Moral erheben, verfallen Religion und Staat. Wenn die Oberschicht sich nicht mehr an Moral und Gesetz hält, wird das Volk mit Recht feindselig. Die Sittenlosigkeit der Kirchenfürsten hat das Ansehen der Religion in der Schmutz gezogen. Das unpatriotische Taktieren des Vatikans als weltliches Fürstentum schließlich hat das geschwächte Italien endgültig ruiniert und zum Spielball ausländischer Mächte gemacht.

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Die gesamten Lektürenotizen werden auf dieser Seite in einem fortlaufenden Dokument veröffentlicht, jeweils ergänzt mit Erscheinen eines neuen Beitrags.

Die Bildhauerin

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Eigentlich wollte ich nur ein paar Schritte gehen, einfach in den nächsten Busch pinkeln. Aber um halb drei Uhr morgens war es taghell. Auf dem Fluß mit dem rostroten Wasser, das ein wenig nach Blut schmeckte, lagen ein paar Boote mit Anglern. Ich fühlte mich ertappt und beobachtet in der unwirklichen Mitternachtssonne. Also ging ich doch den weiten Weg zu den Toilettenanlagen das Campingplatzes und dann wieder ins Zelt zu ihr.

Die Bildhauerin hatte mich gefragt, ob wir nicht zusammen nach Finnland fahren wollen. Ich hatte nichts besseres zu tun, also sagte ich zu. Da saßen wir also in Rovaniemi am Polarkreis und die Mitternachtssonne schien. Der Weihnachtsmann wohnt da. Ich glaube, den Rest des Jahres, wenn kein Weihnachten ist, säuft er. Nie sah ich diszipliniertere Trinker als in Finnland. Die lebensrettenden Meter zwischen Geldautomat und staatlichem Schnapsladen legten sie nicht etwa torkelnd zurück. Nein, sie humpelten, als hätte man…

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