In den Elenden Anhöhen – Der Alte Mann und der Teufel – Kapitel 4

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Sein Weg führte den alten Mann ein kurzes Stück durch die eintönige, karge Ebene des Hinterletzten Winkels. Doch der dürre, graue und braune Bewuchs des unfruchtbaren Bodens nahm schnell ab. Der Untergrund wurde immer Steiniger und begann, anzusteigen. Schon bald fand er sich am Fuße mächtiger Hügel. Ein Geröllfeld erhob sich nun vor ihm. Hier würde er nur schwer weiterkommen. So wandte er sich seitwärts auf der Suche nach einem Pfad hinauf ins Gebirge. Er machte sich zwar keine großen Hoffnungen, aber er freute sich zumindest, das seltsame Dorf der Verdammten hinter sich zu wissen. So überdachte er bei sich die Unglaublichkeiten der vergangenen Tage. Da tat sich im Hang eine Spalte auf. Wie ein trockenes Bachbett wand sie sich den Hügel empor. Der Boden schien begehbar. Frohen Mutes begann der alte Mann hier seinen Aufstieg in die elenden Anhöhen. Sein Weg führte ihn zunächst durch die Felsspalte, die bald zu einer richtigen Schlucht wurde. Nach einer mühseligen Kletterpartie gelangte er in ein Hochtal. Der alte Mann folgte immer dem am leichtesten gangbaren Pfad. Ob er jemals irgendwo ankam, kümmerte ihn nicht. Eine Weile sah es auch so aus, als würde er nirgendwo ankommen. Etliche Stunden wanderte er durch das Tal, immer der Steigung folgend. Schließlich erklomm er wiederum einen steilen Hang. Die Sonne begann früh hinter den Bergen zu verschwinden. Frostige Schatten eilten der nahenden Nacht voraus. Im letzten Tageslicht überschaute der alte Mann nun ein weites Plateau, umstanden von fernen Gipfeln. Hier stand er nun, fast nackt und völlig Schutzlos der kalten Nacht ausgeliefert. Der alte Mann setzte sich und beschloss, hier zu bleiben und noch in dieser Nacht zu erfrieren.

Die Nacht fiel mit plötzlicher Schwärze über den rauen Hügeln, der alte Mann konnte nicht die Hand vor Augen sehen. Am mondlosen Himmel funkelten dafür umso deutlicher die Sterne. Den alten Mann fröstelte gewaltig. Jedoch war es mit dem erfrieren nicht so einfach, wie er sich das noch in der Dämmerung vorgestellt hatte. So wenig wie die Elenden Anhöhen richtige Berge waren, war die Kühle der Nacht ein richtiger Frost. Zudem geriet ihm der felsige Untergrund zu einem quälend unbequemen Sitz. Zur Kälte gesellten sich noch Hunger und Durst. Unruhe und Langeweile erfassten ihn. Er wandte sich um und um, versuchte seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Da erschien es ihm in unbestimmter Ferne ein flackerndes Licht. Für einen Stern stand es viel zu tief, es musste auf der Bergflanke sitzen. Außerdem erschien es nicht in kalten Sternenweiß, sondern schimmerte gelblich und flackerte, wie eine Kerzenflamme. Freudige Hoffnung ergriff den alten Mann: Das konnte nur die Berghütte des Teufels sein, noch dazu offensichtlich bewohnt. Doch wie sollte er in der Finsternis dorthin gelangen, über das raue Gelände voll Felsen und Geröll? Er würde sich alle Knochen brechen und auf halbem Wege verwundet liegenbleiben.

Eine Weile Grübelte er ängstlich und wägte seine Möglichkeiten ab. Wäre es nicht vernünftiger, die Nacht hier am selben Platz zu verharren und erst im Tageslicht den nunmehr sicheren Weg zu beschreiten? Aber der alte Mann war ungeduldig wie ein Kind. Vorsichtig tastend bewegte er sich auf die Lichtquelle zu. Nach zwei Schritten stolperte er, stieß sich schmerzhaft den Ellenbogen und schürfte sich die Hände auf. Kaum raffte er sich auf, fiel er schon wieder. Dieser Sturz brachte ihm einen blutigen Schädel. Aber er gab nicht auf. Mühsam blinzelnd fixierte er die Lichtquelle und tastete sich weiter. Vorsichtiger dieses Mal schaffte er immerhin zehn Schritte. Dann trat er auf einen rollenden Stein, verlor das Gleichgewicht und zerschmetterte sich das Knie. So blieb er eine Ewigkeit liegen, die Sterne tanzten vor seinen geschlossenen Augen. Sein Atem ging schwer. So lag er also wie er befürchtet hatte, völlig zerschunden und bewegungsunfähig. Aber ein seltsamer Ehrgeiz hatte ihn gepackt. Als der schlimmste Schmerz nachließ bewegte er sich erneut. Auf allen Vieren kroch der alte Mann nun weiter durch die finstere Landschaft.

Mit letzter Kraft erreichte er eine kleine Hütte aus unbehauenen Steinen. Er brauchte nicht zu klopfen. Seine mühsames voran Kriechen verursachte genügend Lärm. Im Türsturz erwartete ihn ein hagerer Mann, gehüllt in schwarzen Umhang

Die gesamte Erzählung vom Alten Mann und dem Teufel erscheint hier als fortlaufender Text. Das vorangegangene, dritte Kapitel steht als einzelner Blogbeitrag hier.  

Die Schöne Deirdre und das Handicap des Fergus

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Ein heikles Wochenthema, bei dem es gilt, nicht Respektlos zu werden und auch nicht unanständig auf die Tränendrüse zu drücken. Wer darüber angemessen schreiben will, sollte sich fragen: Was würde ein altirischer Barde tun, der erfahren hat, daß sein frisch geborenes Kind mit einem abscheulichen Fluch beladen ist, der größtmögliches Unglück über die Gemeinschaft bringen wird? Und zwar mit dem schrecklichen Makel betörender Schönheit? Er würde wahrscheinlich ein blutiges Drama darüber verfassen, an dem sich die Nachwelt von „Tristan und Isolde“ bis „The harder they come“ abarbeiten wird. Und er würde wohl damit beginnen, daß die unbesiegbaren Helden meist auch ihre spezielle Schwäche hatten. Denn sie hatten fast alle eine Geis. Also keine Ziege, sondern wieder so ein schwierig zu übersetzendes, altirisches Wort. Eine Geis ist jetzt nicht eine Behinderung im herkömmlichen Sinne. Eher ein Tabu, Bannfluch oder Kryptonit. Achillesferse oder Siegfriedschulter würde grade im Zusammenhang mit alten Sagen…

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Die schöne Deirdre – Vorerzählung zum Táin

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Profil.jpgMan sagt, Erinnerungen an die eigene Kindheit setzen erst mit dem vollendeten dritten Lebensjahr ein. Wir können davon ausgehen, daß es sich bei den keltischen Helden etwas anders verhielt. Wir lernten ja schon, sie konnten auch mal, wie König Conchobor, von Zeugung bis zur Geburt locker drei Jahre im Mutterleib verbringen. Die schöne Deirdre, von der heute erzählt wird, konnte im Mutterleib schreien. Und zwar so laut, daß sie den gesamten Hofstaat aufschreckte. Das rief den Druiden Cathbad auf den Plan, der in seiner Eigenschaft als Seher vor ihrer Geburt Deirdres gesamtes Leben öffentlich vorwegerinnerte. Durch Handauflegen. Eine pränatale Geschlechtsbestimmung gab es gratis obendrauf.
Es begab sich nämlich, daß Conchobor und sämtliche wichtige Helden beim Geschichtenerzähler Fedlimid Mac Daill zu Gast waren. Wenn der König und die Helden beim Barden zu Gast sind, muß der also ein sehr wichtiges Amt bekleidet haben. Wir sehen daran, daß die keltischen Könige…

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Timos Familie

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madchen-mit-tattooTimos Bruder sitzt in U-Haft. Er hat mit einem Kumpel versucht, einen EDEKA zu überfallen. Jenny hat das eben erzählt.Jenny ist Timos Ziehschwester. Jennys Mutter hilft anderen Müttern bei der Kinderbetreuung, wenn sie selbst keine Arbeit hat. Jennys Familie hat sich oft um Timo gekümmert. Timos Mutter hat regelmäßig Psychosen. Wahrscheinlich, weil sie früher zu viel und zu lange Amphetamine genommen hat. Manchmal muss sie ins Krankenhaus, dann kann sie sich nicht um Timo kümmern. Manchmal macht sie auch zu Hause merkwürdige Sachen. Sie schmeißt Gegenstände aus dem Fenster oder läuft mit einem Messer herum. Dann ruft Timo Jenny und ihre Mutter an und fragt, ob er bei ihnen wohnen darf. Timo ist jetzt zwölf. Fremden erzählt er nur, seine Mutter sei krank. Er schaut immer ein wenig traurig, ist aber sonst ein normaler, fröhlicher, frecher und fauler Junge.

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Herbert George Wells: Der Luftkrieg

H. G. Wells ist einer der Schriftsteller, dessen Geschichten – zumindest eine – jeder kennt, der aber selbst – zumindest mir – völlig unbekannt geblieben ist. Als Autor seiner berühmtesten Geschichte, Krieg der Welten, bliebt er natürlich im Schatten des berühmteren Fast-Namensvetters Orson Welles, welcher mit der Aufführung der Marsmenscheninvasion als Radiohörspiel für Furore sorgte.

Wells beweist, alles, was wir heute haben, geht auf Erfindungen von vor mehr als hundert Jahren zurück. Auch das literarische Genre der Science Fiction. Nur ist Wells nicht so verspielt, wie etwa Jules Verne, seine Geschichten sind apokalyptisch und pessimistisch. Die Charaktere im Luftkrieg haben, genretypisch, nicht so viel Tiefe, dafür scharfe Konturen, wie Comicfiguren. Hervorzuheben sei der deutsche Kriegstreiber Prinz Karl Albrecht, eine Art Darth Vader in kaiserlicher Uniform.

Wells trifft in diesem 1908 erschienenen Buch beängstigend genaue Vorhersagen. Die Geschichte beinhaltet praktisch beide Weltkriege, die Hybris der Luftüberlegenheit in den Irakkriegen, und den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Asiens. Alle diese Ereignisse sind jedoch auf wenige Wochen konzentriert. Das Deutsche Reich entfesselt mit einer riesigen Flotte von Luftschiffen einen Bombenkrieg, der sich zu einem erschöpfenden Weltenbrand ausweitet. Freilich schreibt Wells aus eugenischer, also rassistischer Perspektive. Angenehm dabei, daß sich das rassistische Denken im Selbstmitleid des morschen Empires bewegt und eher die städtisch-verweichlichte Minderwertigkeit der englischen Bürgergesellschaft thematisiert.

Auch wenn politische Entwicklung und die Konflikte ziemlich exakt, wenn auch verdichtet vorhergesagt werden, verfehlt Wells in einem entscheidenden Punkt die technische Entwicklung. Zwei Dinge hat er nicht vorhergesehen: Daß der Motorflug noch vor dem Krieg erfunden wird. Denn das Flugzeug machte ja dann, wenn auch erst nach zwei Jahren Krieg, der Unbesiegbarkeit der Luftschiffe ein Ende. Und schließlich waren in der Realität die Deutschen 1914 noch nicht so skrupellos und technikverliebt, um aus dem Stand einen Vernichtungskrieg gegen zivile Ziele zu beginnen. Tatsächlich waren 1914 ja alle Militärs eher skeptisch, konservativ und ignorant gegenüber den technischen Neuerungen.

Für die deutsche Nabelschau erfrischend ist die englische Perspektive des Buches. Einen Weltkrieg vom Zaun brechen werden natürlich die Deutschen, weil sie es können. Das passive England lassen sie dabei links liegen gelassen, stattdessen besiegen sie die naiven USA innerhalb von zwei Wochen. Und zwar, weil das Reich technisch fortschrittlich ist, aggressive Politiker und ein diszipliniertes, und strebsames Volk besitzt. Es ist eine bizarre Mischung aus Bewunderung, Ehrfurcht und Entsetzen, mit dem der Engländer auf das junge Kaiserreich blickt. Denn am Ende haust die ganze Welt, auf mittelalterliches Niveau zurückgeworfen, in den Ruinen ihrer untergegangenen Zivilisationen.

sonnenfisch
Zeichnung Alice Wunder nach Prentis Rollins, Sun Fish.

Lektürenotizen Machiavelli – Discorsi I, 10 -12

I, 10
Das schlimmste, was ein Staatsgründer tun kann, ist eine Diktatur zu erschaffen. Ein Staat verkommt fast immer zur Diktatur, wenn die Königswürde erblich ist. Machiavelli macht hier viele Worte, aber ich komm nicht richtig dahinter, was denn nun die Aussage ist. Außer der moralischen Verwerflichkeit scheinen mir wenig Argumente gegen Diktatur zu kommen. Gut, die ganzen Feinde und Neider. Und das erhöhte Risiko, von diesen umgebracht zu werden. Aber wozu ist man bitte Diktator, wenn man mit denen nicht fertig wird? Es kommt mir vor, wie ein Apell, mit dem er die in 9 aufgestellte These des guten Gewaltherrschers relativieren und entschärfen will mit eindringlicher Warnung vor Diktatur. Bemerkenswert ist die negative Beurteilung Julius Cäsars als Putschisten und Zerstörer der Republik.

I, 11 zur Religion der Römer
Die Religion ist die unentbehrlichste Stütze der Zivilisation. Denn mit der Religion kann man ein ungebändigtes Volk mit friedlichen Mitteln zu bürgerlichem Gehorsam erziehen. Numa Pompilius, der Nachfolger des Romulus, befestigte die Gottesfurcht im römischen Volk. Ein religiöser Eid war den Menschen wichtiger, als die Strafgesetze. Die Beispiele, die Machiavelli aus der römischen Geschichte anführt, sind freilich gewaltsam erzwungene Eide.
Die Religion hält das Volk in Eintracht und die Heere gehorsam. Mit der Begründung durch das göttliche lassen sich neue, nützliche Gesetzgebungen einführen. Das geht natürlich besser bei einer primitiven, ungebildeten Bevölkerung. Moderne Stadtbevölkerung ist für diese Art der Überredungskunst meist verdorben. Gegenbeispiel ist der Erfolg des Predigers Savonarola im säkularisierten Florenz.

I, 12 Wie die römische Kirche die Religion verkommen ließ, zum Schaden Italiens
Wenn die Machthaber aber die Religion zu ihren Zwecken mißbrauchen, verliert das Volk die Gottesfurcht und die Religion hört auf, staatstragende Stütze zu sein.
Kluge Herrscher fördern den Aberglauben und halten das Volk gefügig. Wenn die Mächtigen sich über die Moral erheben, verfallen Religion und Staat. Wenn die Oberschicht sich nicht mehr an Moral und Gesetz hält, wird das Volk mit Recht feindselig. Die Sittenlosigkeit der Kirchenfürsten hat das Ansehen der Religion in der Schmutz gezogen. Das unpatriotische Taktieren des Vatikans als weltliches Fürstentum schließlich hat das geschwächte Italien endgültig ruiniert und zum Spielball ausländischer Mächte gemacht.

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Die gesamten Lektürenotizen werden auf dieser Seite in einem fortlaufenden Dokument veröffentlicht, jeweils ergänzt mit Erscheinen eines neuen Beitrags.